„Systemsprenger“: Für sie gibt es keine hundertprozentige Lösung | Nr. 9620
Shownotes
Immer mehr Jugendämter sind überfordert. Es kommt zu Fehlern in der Jugendbetreuung. Werden Jugendliche gar zu Tätern, werden in der öffentlichen Debatte schnell Forderungen laut, diese Kinder und Jugendlichen „wegzusperren“. Was hilft stattdessen und was nicht?
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00:00:00: Willkommen zum Aboktams-Podcast mit dem Thema Erziehung.
00:00:04: System Sprenger, für Sie gibt es keine hundertprozentige Lösung!
00:00:09: Eine Analyse von Tom Göller vom zwölften Juli twenty-sixundzwanzig an Mikrofon Alexander Sieber.
00:00:15: Immer mehr Jugendämter sind überfordert.
00:00:17: Es kommt zu Fehlern in der Jugendbetreuung.
00:00:20: Werden Jugendliche gar zu Tätern werden in der öffentlichen Debatte schnell Forderungen laut diese Kinder und Jugendlichen wegzusperren.
00:00:28: Was hilft stattdessen?
00:00:29: Und was nicht?
00:00:31: Fünf vor sechs müssen sie aufstehen, dann gibt es erst mal Frühsport in erster Linie Liegestütze und Kniebeugen.
00:00:37: Die Rede ist von Kindern- und Jugendlichen im sogenannten Trainingscamp im hessischen Dime Stadt.
00:00:43: Die Pädagogen dieser stationären Jugendhilfeeinrichtungen sagen über die jungen Menschen, die zu ihnen kommen – sie reagieren auf Einmischungen von Eltern, Lehrern oder Erzielen misstrauisch verängstigt aggressiv und ablehnend Sie hätten eine Richtung eingeschlagen, die sie selbst und andere in große Schwierigkeiten gebracht hat.
00:01:02: Dazu zählen Raubüberfälle, Drogen, Alkoholdelikte, Lügen, Erpressung von Mitschülern, Schulschwänzen und teils schwere Körperverletzungen an anderen.
00:01:13: Wenn alle Versuche scheitern.
00:01:15: Für diese Gruppe von Kindern und Jugendlichen hat sich der Begriff System-Sprenger eingebürgert.
00:01:20: Inspiriert hat ihn der Erziehungswissenschaftler Meno Baumann Professor für Intensivpädagogik an der Fliedner Fachhochschule Düsseldorf, die er im Jahr zwanzigzehn das Buch Kinder-die-Systeme springen veröffentlichte.
00:01:32: Der Untertitel des Buches sagt schon alles über den Inhalt aus.
00:01:35: – Zitat wenn jugendliche Unterziehungshilfe auseinanderscheitern.
00:01:40: Es geht um Kinder und Teenager, die durch keine pädagogische oder therapeutische Maßnahme erreichbar erscheinen und somit das therapeutische System sprengen.
00:01:49: Nicht immer richten sich der Zorn und die Frustration der Jugendlichen gegen andere, sondern auch gegen sich selbst.
00:01:55: Baumann schildert in seiner Studie einen besonders extremen Fall der Selbstverletzung den ihm eine Gruppenleiterin einer Kinder-und-Jugendwohngruppe berichtet hat.
00:02:03: Ein Junge hatte sich das Bein gebrochen – Zitat!
00:02:12: Und dann ist er mit einem Doppelsalter, mit dem gebrochenen Wein im Gips vom Dach gesprungen.
00:02:24: So nach dem Motto Ihr könnt mir gar nichts!
00:02:28: Angststörungen Depression Überaktivität Puzzle Inklusion.
00:02:33: Ein privater pädagogischer Dienstleister in Hannover für Kinder, junge Erwachsene und deren Eltern erklärt das Phänomen folgendermaßen System-Sprenger hätten oft tiefe Bindungsprobleme geringe Frustationstoleranz und zeigen Ablehnung gegenüber Autoritäten als mögliche Gründe und Hintergründe für deren Verhalten, führen die Pädagogen familiäre Belastungen wie häusliche Gewalt, Vernachlässigung oder Suchterkrankungen an.
00:02:58: Hinzu kämen Missbrauch, Trennung von Bezugspersonen, ADHS, Depressionen, geringe Kontakte zu anderen und fehlende Freizeitangebote.
00:03:08: Die Bundespsychotherapeutenkammer berichtet in einem Faktenpapier aus dem Jahr zwanzig zu psychischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen davon, dass in dieser Altersgruppe am häufigsten Angststörungen, Depressionen über Aktivität sowie dauerhaft aufsässiges und aggressives Verhalten auftreten.
00:03:25: Die Bundespsychotherapeutenkammer verweist zudem auf eine nicht näher genannte deutsche Studie mit zwei Tausend Fünfhundert Befragten.
00:03:31: Diese habe ergeben, dass fast die Hälfte der Jugendlichen über vierzehn Jahre ein belastendes Kindheitserlebnis gehabt hätten – zum Beispiel die Scheidung der Eltern oder Alkoholkonsum und Drogenmissbrauch in der Familie.
00:03:43: Etwa zehn Prozent der Befrakten hätten von mehr als vier belastenden Erfahrungen in der Kindheit berichtet.
00:03:49: Jungen vor dem fünften Lebensjahr seien häufiger psychisch krank als Mädchen.
00:03:53: Sie erkrankten vierinhalbmal so häufig an ADHS, sie neigen stärker zu aggressivem und oppositionellem Verhalten, sie schwänzten häufiger die Schule oder laufen von zu Hause weg.
00:04:04: Sie sind auch häufiger Suchtkrank – so die Psychotherapeutenkammer.
00:04:07: Billy the Kid & Schinde Hannes System-Springer sind keine Erscheinung der Neue Zeit.
00:04:13: Sie hat es offenbar schon immer gegeben, die bekanntesten Beispiele dafür sind die Wildwestbanditen Billy the Kid und Sundance Kid aus dem neunzehnten Jahrhundert.
00:04:21: Alleine der Zusatz Kit verweist schon darauf dass sich bei diesen gesetzlosen um Jugendliche gehandelt hat.
00:04:28: Billy The Kid wurde nach zahlreichen Raubüberfällen und Morden mit rund einundzwanzig Jahren aus einem Hinterhalt erschossen.
00:04:34: Sundance Kid wurde zwei etwa vierzig Jahre alt, verbüßte aber seine erste Haftstrafe bereits mit zwanzig Jahren.
00:04:41: Als deutsches Beispiel kann Johannes Bückler besser bekannt unter den Beinamen Schinderhandes angeführt werden.
00:04:47: Er wurde achtzehnhundert drei mit rund vierundzwanzig jahren hingerichtet nachdem er zuvor im Hunsrück mindestens zweihundert elf Straftaten von Diebstählen und der Pressungen bis zum mörderischen Raubüberfällen begangen hatte.
00:04:59: Er wurde mit etwa sechzehn Jahren erstmals wegen Diebstahl verhaftet.
00:05:03: psychologischer Support für Pädagogen.
00:05:06: Zurück in die Gegenwart, Baumann zufolge stellt die Altersgruppe der dreizehn bis sechzehnjährigen den Abstand größten Block unter den Systemsprängern.
00:05:14: Er habe aber für seine Studie von zwanzig zehn bereits mit elf- bis treizehnjährigen Jugendlichen zu tun gehabt.
00:05:20: Für den Professor sei der Begriff Systemspränger keine Bezeichnung für ein Kind oder einen Jugendlichen mit bestimmten Eigenschaften sondern es ging ihm vielmehr um das Prozess geschehen.
00:05:30: Zitat, der Kinder- und Jugendhilfe gelingt es nicht mit einem jungen Menschen ein Angebotsformat zu finden das von allen Beteiligten als hilfreich angesehen wird.
00:05:38: So baumern!
00:05:40: Wenn das System aber das Problem sein soll was muss sich dann nach Meinung des Experten ändern?
00:05:45: Überraschenderweise nennt Bauman im Gespräch mit Loop Kinderhilfe nicht an erster Stelle die Betroffenen sondern die Pädagogen.
00:05:53: Wir müssen in der Jugendhilfe viel, viel mehr in Mitarbeitersicherung und emotionalen und psychologischen Support unserer Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen investieren.
00:06:02: Das muss der wesentliche Schwerpunkt sein – so der Pädagoge!
00:06:06: Die Fachbereitung und das Coaching müssten anders werden damit die Betreuer in ihrer psychischen Gesundheit und ihre Belastbarkeit erhalten würden.
00:06:15: Kein Export von Problemfällen Und es bedürfe Baumanns Aussage nach einer stärkeren Regionalisierung.
00:06:21: Er kritisiert, dass er zwar im Jahr zwanzig zweiundzwanzig in Schleswig-Holstein für sechstausendfünfnacht Heimplätze fünftausendfünfundet Kinder aus anderen Bundesländern zugewiesen wurden.
00:06:31: Lasst uns den Import-Exportwahnsinn beenden und lasst uns stärker in die Regionalisierung gehen, zumindest in der Verantwortung.
00:06:38: Es kann Sinn machen ein Kind auch mal weiter weg unterzubringen aber die Verantwortlichkeit muss in der Region bleiben – so der Wissenschaftler.
00:06:45: Dafür sein bessere Strukturen bei Jugendämtern und Jugendhilfeträgern nötig.
00:06:50: Individuelle Betreuung oder Gemeinschaft.
00:06:52: Und er fügt hinzu, Zitat.
00:06:54: Wir brauchen nicht mehr Spezialangebote die bestimmte Phänomene bearbeiten.
00:06:58: Vielmehr werden Pädagogen gebraucht die bereit sein sich auf diesen einen Menschen einzulassen der davor entsteht.
00:07:04: wir brauchen mehr Individualität für den einzelnen Menschen fordert Bauman Das privat betriebene Trainingscamp.
00:07:10: Die Milstadt verfolgt laut seiner Website einen einzigartigen Ansatz mit jenen Jugendlichen die oft nur noch die Wahl haben Gefängnis oder Die Mil Stadt.
00:07:19: Die Einrichtung in Nordhessen befindet sich abseits von größeren Ortschaften und ist umgeben von Wald- und landwirtschaftlichen Flächen.
00:07:26: Zitat diese Lage entlastet von vielen negativen Versuchungen und Gelegenheiten, größere Städte beschreiben die Betreiber ihr Bootcamp.
00:07:33: Zwanzig Therapieplätze gibt es dort ausschließlich für männliche jugendliche, die für sechs Monate an dem Trainingsprogramm teilnehmen.
00:07:40: Unterricht gibt es nicht aber ein straffes Sport Programm Arbeitsprojekte Gemeinschaftsleben sowie Rituale mit denen Grenzen gesetzt werden.
00:07:49: Boxen und Mannschaftssport sollen helfen.
00:07:52: So sollen etwa mittels Boxen-und Mannschaftsportarten Disziplin und Fairplay ermittelt werden, die aggressiven Impulse der Jugendlichen sollen dadurch abgebaut werden.
00:08:01: Als weiteres Ziel wird angegeben lernen Regeln einzuhalten, diszipliniert zu trainieren und sportliche Gegner zu respektieren.
00:08:09: Und dann?
00:08:10: Viele der Jugendlichen hätten am Ende der Zeit im Trainingscamp das Gefühl, fit und leistungsfähig zu sein.
00:08:15: Sie sind motiviert sich weiteren Herausforderungen zu stellen ihre Schule wieder aufzunehmen eine Ausbildung zu machen die Situation in der Familie wieder zu verbessern beschreiben die Betreiber ihre Arbeit?
00:08:27: Erfolg ist eine Treppe keine Tür.
00:08:30: Und dennoch werden laut einem Bericht von RTL Hessen fünfzig Prozent rückfällig wenn sie das Camp verlassen haben.
00:08:37: Aber eine Rückfallquote von fünfzig Prozent ließe sich unterschiedlich bewerten.
00:08:41: Als Erfolg angesichts der Schwere der Fälle, mit denen die Einrichtung arbeitet oder als Hinweis auf die Grenzen des Ansatzes.
00:08:48: und in keiner Gesellschaft diese Welt gelingt es alle verhaltensauffälligen Kinder und Teenager entsprechend ihren Bedürfnissen erfolgreich zu betreuen oder zu therapieren weder in der Vergangenheit noch einer Gegenwart noch in der Zukunft.
00:09:01: Wie mit dieser offenbar unlösbaren Situation umgegangen werden kann, dazu hatte etwa die sieben verstorbene amerikanische Motivationstrainerin Dottie Waters eine klare Meinung.
00:09:11: Erfolg ist eine Treppe – keine Tür.
00:09:15: Kummertelefon für Eltern Unter Null.
00:09:18: Achthundert Eins Eins Eins Null Fünf Fünf Null erhalten Eltern kostenlose Beratung bei Erziehungsfragen.
00:09:24: Kummertelefon für Kinder und Jugendliche unter ... ... finden Kinder und Jugendliche ein offenes Ohr, wenn sie zu Hause Gewalt erleben oder andere Sorgen haben.
00:09:35: Kostendos und anonym!
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